{"id":621,"date":"2026-01-04T18:22:26","date_gmt":"2026-01-04T17:22:26","guid":{"rendered":"https:\/\/jlnorden.de\/?page_id=621"},"modified":"2026-01-09T12:25:01","modified_gmt":"2026-01-09T11:25:01","slug":"leseprobe-arletons-schweigen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/leseprobe-arletons-schweigen\/","title":{"rendered":"Leseprobe Arletons Schweigen"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"621\" class=\"elementor elementor-621\" data-elementor-post-type=\"page\">\n\t\t\t\t<div data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-element elementor-element-8d218a9 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"8d218a9\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-e96eea9 elementor-widget elementor-widget-heading\" data-id=\"e96eea9\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"heading.default\">\n\t\t\t\t\t<h2 class=\"elementor-heading-title elementor-size-default\">\"Arletons Schweigen\"<\/h2>\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<div data-particle_enable=\"false\" data-particle-mobile-disabled=\"false\" class=\"elementor-element elementor-element-5a48f2e e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"5a48f2e\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-269b11c elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"269b11c\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>Der Marktplatz von Arleton war ein Hexenkessel aus Farben und L\u00e4rm. \u00dcber den Standreihen tanzte Staub im fahlen Sonnenlicht, vermengt mit dem schweren Dunst von gebratenem Talg, dem s\u00fc\u00dflichen Verfall \u00fcberreifen Obstes und dem bei\u00dfenden Geruch von gegerbtem Leder.<\/p><p>Stimmen \u00fcberlagerten sich, H\u00e4ndler priesen ihre Ware an, Kinder schrien, Tiere zerrten an Stricken \u2013 das Herz der Stadt schlug laut und unruhig.<br \/>Johann hasste diesen Ort.<\/p><p>Nicht wegen des L\u00e4rms. Nicht wegen des Gestanks. Sondern weil hier alles sichtbar wurde, was man von den Zinnen der Burg aus leicht \u00fcbersehen konnte.<\/p><p>Seine Schultern waren angespannt, seit er den Platz betreten hatte. Der schwere Lederwams sa\u00df ungewohnt steif, die Riemen schnitten ihm in den Nacken. Er hatte ihn selbst angelegt, hatte darauf bestanden, keine Hilfe zu wollen. Doch jetzt zahlte er den Preis daf\u00fcr. Mit jedem Atemzug sp\u00fcrte er die Enge, als tr\u00fcge er nicht nur R\u00fcstung, sondern Erwartung.<\/p><p><em>Dienst am Volk<\/em>, hatte sein Vater gesagt. Johann biss die Z\u00e4hne zusammen, w\u00e4hrend er sich durch die Menge schob. Die genagelten Stiefel, neu und kaum eingelaufen, schlugen h\u00e4rter auf das Pflaster, als er wollte. Er hatte ge\u00fcbt, leise zu gehen. Jahrelang. Aber zwischen \u00dcbungsplatz und Markt lag eine Welt.<\/p><p>Es war erst sein dritter Tag.<\/p><p>Am Rand des Platzes stand Gregor.<\/p><p>Johann nahm ihn kaum bewusst wahr \u2013 nur als ruhenden Punkt in der Bewegung. Ein grauer Mantel, ein Holzstab, ein Gesicht, das weder suchte noch auswich. Einer von denen, die da waren, ohne da zu sein. Johann kannte solche M\u00e4nner aus den Erz\u00e4hlungen seines Vaters. Kleriker. N\u00fctzlich, solange sie predigten, was Ordnung schuf. Er wandte den Blick ab.<\/p><p>Der Schrei kam unerwartet.<\/p><p>\u201eDieb! Haltet den Jungen!\u201c<\/p><p>Das Marktgemurmel zerriss wie Stoff unter zu starkem Zug. K\u00f6pfe fuhren herum, Stimmen kippten von Neugier in Emp\u00f6rung. Johann reagierte, bevor er dachte. Das hatte man ihm beigebracht. Er sah den Jungen.<\/p><p>Grau, schmal, zu schnell. Ein Schatten, der sich zwischen Karren und Menschen hindurchschraubte, als h\u00e4tte er nie etwas anderes getan. Johann sp\u00fcrte einen kurzen Stich \u2013 Bewunderung, unerw\u00fcnscht und fehl am Platz.<\/p><p>\u201eWeg da! Platz f\u00fcr die Wache!\u201c<\/p><p>Seine Stimme klang fremd in seinen Ohren. Zu hoch. Zu hastig.<\/p><p><em>Du bist der Sohn des Barons<\/em>, dachte er. <em>Du bist die Wache.<\/em><\/p><p>Doch sein K\u00f6rper glaubte es noch nicht.<\/p><p>Er setzte nach. Beim Laufen erinnerte er sich an etwas, das nichts mit diesem Moment zu tun hatte.<\/p><p>Er war zehn gewesen, vielleicht elf, als er zum ersten Mal eine Karte von Arleton gesehen hatte, die nicht f\u00fcr seine Augen bestimmt war. Sie lag ausgebreitet auf dem Tisch des Schreibers, schwere Gewichte hielten die Ecken. Johann hatte sie nicht anger\u00fchrt. Nur betrachtet.<\/p><p>Stra\u00dfen waren Linien gewesen. Gassen Adern. Mauern Narben.<\/p><p>Er hatte gefragt, warum einige Wege nicht eingezeichnet waren.<\/p><p>Der Schreiber hatte gelacht und gesagt: <em>Weil nicht alles, was existiert, Teil der Ordnung ist.<\/em><\/p><p>In dieser Nacht hatte Johann nicht geschlafen. Er hatte sich die Karte eingepr\u00e4gt, Linie f\u00fcr Linie, und sie am n\u00e4chsten Tag aus dem Ged\u00e4chtnis neu gezeichnet. Schlechter. Ungenauer. Aber vollst\u00e4ndig.<\/p><p>Danach hatte er weitere Karten gesucht. Alte. Veraltete. Verbotene. Er hatte gelernt, dass St\u00e4dte wuchern. Dass Ordnung immer hinterherlief.<\/p><p>Jetzt zahlte sich dieses Wissen aus.<\/p><p>Der Junge bog ab. Weberzeile. Johann fluchte leise und \u00e4nderte die Richtung. Seine Stiefel fanden Halt auf der niedrigen Mauer, br\u00f6ckelnder Stein unter den Sohlen. Ein Sprung, eine Drehung. Der Waffenmeister h\u00e4tte genickt.<\/p><p>Die Sackgasse am Ende der Gerberstra\u00dfe lag wie ein offenes Maul vor ihnen.<\/p><p>Als Johann stehen blieb, brannte seine Lunge. Schwei\u00df lief ihm unter dem Helm in die Augen, salzig, bei\u00dfend. Er hob die Hand, mehr zum Atmen denn als Geste.<\/p><p>Der Junge hatte ein Messer gezogen.<\/p><p>Johann sah es \u2013 und sah es nicht. Klein. Schartig. Mehr Drohung als Waffe.<\/p><p>\u201eLeg \u2026 leg das weg\u201c, brachte er hervor. <em>Nicht befehlen. Bitten.<\/em> Er wusste nicht, warum.<\/p><p>Der Junge antwortete nicht.<\/p><p>Stattdessen presste er etwas gegen seine Brust.<\/p><p>Ein Apfel.<\/p><p>Johanns Gedanken stockten.<\/p><p>In diesem Moment wurde alles langsamer.<\/p><p>Er sah die d\u00fcnnen Arme. Die hervortretenden Gelenke. Den Schmutz, der nicht mehr oberfl\u00e4chlich war, sondern Teil der Haut geworden war. Und die Augen.<\/p><p>Keine List. Kein Trotz.<\/p><p>Nur Erwartung.<\/p><p>Johanns Herz schlug schneller. Nicht aus Angst. Aus etwas anderem. Aus der Erkenntnis, dass dies kein Feind war, sondern ein Ergebnis.<\/p><p><em>Ein Diebstahl ist ein Angriff auf das Gef\u00fcge der Gemeinschaft<\/em>, h\u00f6rte er die Stimme seines Lehrmeisters.<\/p><p>Aber welches Gef\u00fcge?<\/p><p>Er dachte an den langen Tisch in der Burg. An Silberbesteck. An seinen Vater, der sagte, Ordnung sei kein Gef\u00fchl, sondern eine Pflicht.<\/p><p>Er dachte an die Karten. An die wei\u00dfen Flecken.<\/p><p>Die Rufe der Stadtwache kamen n\u00e4her.<\/p><p>\u201eJohann! Hast du ihn?\u201c<\/p><p>Seine Schultern spannten sich. Sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Er wusste, was jetzt erwartet wurde. Ein Schritt vor. Ein Griff. Ein Ende.<\/p><p>Stattdessen senkte er den Arm.<\/p><p>Nicht sofort. Nicht entschieden.<\/p><p>Z\u00f6gernd.<\/p><p><em>Wenn ich ihn halte<\/em>, dachte er, <em>wird alles einfacher.<\/em><\/p><p><em>Wenn ich ihn gehen lasse<\/em>, dachte er, <em>wird nichts je wieder einfach.<\/em><\/p><p>Das Gewicht seines Namens lag auf ihm. Schwerer als der Wams. Schwerer als das Schwert.<\/p><p>\u201eVerschwinde\u201c, fl\u00fcsterte er.<\/p><p>Als der Junge fort war und die Wachen eintrafen, stand Johann gerade. Er zwang seine Schultern nach hinten, sein Gesicht in eine Maske, die er von klein auf kannte.<\/p><p>In seinem Inneren jedoch war etwas gerissen. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber unwiderruflich. Der Markt kehrte zur Ordnung zur\u00fcck. Doch Johann wusste:<\/p><p>Er hatte heute keine Ordnung verteidigt.<br \/>\u00a0Er hatte eine Grenze \u00fcberschritten. Und er war sich nicht sicher, ob es jemals einen Weg zur\u00fcck gab.<\/p><p>Der Markt von Arleton beruhigte sich schnell. H\u00e4ndler schrien wieder Preise, Kunden feilschten, als sei nichts geschehen. Die Stadt verga\u00df rasch.<\/p><p>Aber nicht alle.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Arletons Schweigen&#8220; Der Marktplatz von Arleton war ein Hexenkessel aus Farben und L\u00e4rm. \u00dcber den Standreihen tanzte Staub im fahlen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"site-sidebar-layout":"no-sidebar","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"full-width-container","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"disabled","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"disabled","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"class_list":["post-621","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=621"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/621\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":668,"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/621\/revisions\/668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jlnorden.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}